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Reizdarm - wenn der Verdauungstrakt verrückt spielt

Das Reizdarmsyndrom ist eine der häufigsten Erkrankungen des Magen-Darmtraktes. In Oberösterreich leiden etwa 25 % der Bevölkerung an dieser Krankheit, die vorwiegend funktionell und auch psychisch bedingt ist. "Beim Reizdarm ist die Schmerzempfindlichkeit des Darmes krankhaft erhöht, ohne dass entzündliche oder bösartige Erkrankungen nachweisbar sind", so OA Dr. Fritsch vom Landeskrankenhaus Enns. Krampfhafte Bauchschmerzen und wechselhafte Stühle beeinflussen nicht nur die Lebensqualität, sondern sind oft auch der Grund für sozialen Rückzug und Isolation.

Die meisten der Betroffenen sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, also in einem Alter, in dem private und berufliche Pläne geschmiedet und umgesetzt werden. Nicht selten tritt dabei - vor allem bei Frauen - eine Mehrfachbelastung wie etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Kindern auf. "Der Darm ist ein äußerst sensibles Organ. Psychischer Druck oder Stress können sich auf seine Funktion negativ auswirken" erklärt OA Dr. Norbert Fritsch vom LKH Enns, der sich auf Magen-Darm-Erkrankungen spezialisiert hat. Reizdarm entsteht auch nicht von heute auf morgen. Meist treten die ersten Symptome auf, wenn sich die Betroffenen in einer besonders belastenden oder schwierigen Lebenssituation befinden.

OA Dr. Norbert Fritsch bei der Ultraschalluntersuchung
OA Dr. Norbert Fritsch bei der Ultraschalluntersuchung

Obwohl die Krankheit seit ca. zehn bis 15 Jahren definiert ist, wird sie oft nicht gleich erkannt. Aus diesem Grund werden Patienten mit Reizdarmsyndrom häufig als Hypochonder abgestempelt, da sich für ihre Beschwerden keine organischen Ursachen feststellen lassen. "Bevor die Diagnose ,Reizdarm' gestellt werden kann, ist es wichtig, dass alle anderen entzündlichen oder bösartigen Erkrankungen wie etwa Morbus Crohn, Colitis, Nahrungsmittelallergien oder Milchzuckerunverträglichkeit ausgeschlossen werden können", erklärt OA Dr. Fritsch. "Daher muss unbedingt ein umfassender medizinischer Check durchgeführt werden. Besonders aussagekräftig ist die Endoskopie mit Gewebsprobe, aber auch Magen- und Zwölffingerdarmspiegelung sind ratsam. Darüber hinaus müssen auch die Schilddrüse und Hormone abgeklärt werden", rät der Ennser Spezialist weiter.

Über die genauen Ursachen die zu RDS führen, ist noch wenig bekannt. Man vermutet, dass sie in der Wechselwirkung zwischen Magen, Darm, Nervensystem und Psyche zu finden sind. Frauen sind von dieser funktionellen Störung des Verdauungstraktes doppelt so häufig betroffen wie Männer, jedoch nur ein Drittel der Leidenden sucht tatsächlich ärztlichen Rat auf.

Die Symptome sind unterschiedlich ausgeprägt: Sie reichen von krampfartig auftretenden Bauchschmerzen, Unregelmäßigkeiten der Stuhlentleerung (Durchfälle oder Verstopfung, zum Teil Wechselsymptomatik) bis hin zu breiigen Stuhl mit Schleimabsonderung. Darüber hinaus sind die Nervenendigungen im Darm ungewöhnlich empfindlich, wodurch jede Dehnung bereits als Schmerz empfunden wird. Begleitend können noch Gastritis oder Sodbrennen, starke Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen und Angstattacken auftreten. Aber auch Menstruationsprobleme, Schlafstörungen oder Depressionen sind keine Seltenheit.

"Aufgrund des ständigen Krankheitsgefühles, der Schmerzen und des plötzlichen Toilettendranges kapseln sich viele Betroffene von ihrer Umgebung ab. Sie meiden soziale Kontakte und ziehen sich oft völlig aus der Gesellschaft zurück. In solchen Fällen ist eine begleitende Psychotherapie unbedingt ratsam", sagt OA Dr. Fritsch.

Für die Behandlung des Reizdarmsyndroms gibt es derzeit kein Standardheilverfahren. Jeder Patient erhält eine individuelle Therapie, die sich am Beschwerdebild orientiert. In erster Linie sollten Betroffene ihren Lebensstil stressfreier gestalten, das heißt eine gewisse Regelmäßigkeit in den Tagesablauf bringen, genügend schlafen und vor allem: bewegen. Egal ob laufen, spazieren gehen oder Radfahren, Bewegung ist das beste Mittel im Kampf gegen RDS. Allerdings sollte auf hektische Sportarten eher verzichtet werden.

Ein nicht minder bedeutender Faktor kommt der Ernährung zu. Zitrusfrüchte, blähende Lebensmittel oder zu viel Kaffee können die Symptome verschlimmern, auf Nikotin sollte gänzlich verzichtet werden. Aber auch medikamentös kann schon viel getan werden. "Die neuen stuhlregulierenden Elektrolyt-Trinklösungen haben sich bereits bewährt. Sodbrennen oder Blähungen können heute ebenfalls gut behandelt werden", so der Ennser Internist. Illusion darf jedoch keinem Patienten gemacht werden: die individuelle Therapie ist meistens langwierig, bei bis zu 30 Prozent aller Fälle wird der Reizdarm sogar chronisch. "Gerade aufgrund der Dauer der Behandlung ist es ideal, wenn diese von einem Vertrauensarzt durchgeführt wird, denn RDS-Patienten brauchen eine persönliche und einfühlsame Betreuung", ist OA Dr. Fritsch überzeugt.