"Lucy" oder das Skalpell?
Im pflegerischen Alltag sehe ich immer wieder, dass chronische Wunden unterschiedlichster Genese, wenn es um eine Versorgung geht, über einen Kamm geschoren werden. Das heißt, es wird nur unzureichend Rücksicht auf den Zustand bzw. das Wundheilungsstadium genommen. Der größte Unsicherheitsfaktor besteht im Umgang mit Nekrosen. Aus medizinischer- pflegerischer Sicht kann eine wesentliche Beschleunigung der Wundheilung erzielt werden, wenn man nekrotische Areale nicht der körpereigenen Abstoßung überlässt, sondern aktiv entfernt (Debridement). So sind nekrotische Anteile immer Ursache einer verzögerten Wundheilung, da der Körper diese Wundbestandteile zuerst auflösen und abstoßen muss, bevor nachkommendes Granulationsgewebe den Gewebsdefekt ausgleichen kann. Das Ausmaß der Verzögerung ist daher proportional zu Größe und Tiefe des Defektes zu sehen. Medizinische Verfahren um diese Ziel zu erreichen sind einerseits das chirurgische Debridement und andererseits ein Aufbringen von Substanzen und Materialien welche das Auflösen der Nekrosen unterstützen. - oder wir lassen Lucy grasen......!
Biosurgery
Steril gezüchtete Larven der Fliegengattung Lucilia sericata werden unter kontrollierten Bedingungen in die Wunde eingebracht. Nekrotisch belegte Areale werden abgegrast. Die Verwendung der Bezeichnung „Biochirurgie“ neutralisiert die möglicherweise emotional belastete Bezeichnung „Madentherapie“. Die Verwendung von Fliegenmaden zur Wundreinigung ist eine bis in das 2. JH nach CH reichende Technik in der Behandlung von Problemwunden. In diesem Jahrhundert hatte sie die Blütezeit vor Einführung der Antibiotika. Jetzt gewinnt sie wieder an Bedeutung, da komplexe Erkrankungsbilder bei einer immer älter werdenden Bevölkerung und zunehmende Resistenzen, die Behandlung von Wunden erschweren.
Prinzip und Wirkmechanismus der Biosurgery:
Haupteinsatzgebiete der „Biochirurgen“
- Behandlung von malignen Tumoren - gute Ergebnisse bei ulzerierenden Brustkrebsformen (Beseitigung des nekrotischen Gewebes)
- Gangränöse Haut und Unterhautwunden vor allem bei multimorbiden Patieten
- Stagnierende, chronische Wunden
Verwendete Spezies
Im wesentlichen werden heutzutage die Maden der „Goldfliege Lucilia sericata“ für die Biochirurgie eingesetzt – sie zeichnen sich besonders dadurch aus, dass sie auf die Verwertung nekrotischen Gewebes spezialisiert sind – vitales Gewebe bleibt unangetastet.
Fazit für die Praxis
Erste Projekte zur weiteren Erforschung über Wirkweise der Biochirurgie, laufen an der Universitätsklinik Hamburg - Eppendorf und am Institut für Parasitologie der Universität Bonn.
Es bleibt festzustellen, dass die Biochirurgie eine äußerst effiziente und potente aber vor allem ökologische Behandlungsform darstellt, ihre Ressourcen sind praktisch unbegrenzt.
Aber - wie alles in der Medizin mit einem leicht alternativen Touch, braucht es Zeit um sich durchzusetzen. Viele Chirurgen vertrauen noch immer eher dem Skalpell als der biologischen Wundbehandlung. An unserem Krankenhaus wird seit 1999 sowohl im chirurgischen als auch im internistischen Bereich erfolgreich mit der Biochirurgie gearbeitet. Großteils werden unsere kleinen "Helfer" nicht mehr freilaufend ausgesetzt, sondern kommen in kleine Gaze- oder Kunststoffgefängnisse - dem sogenannten Biobag. Somit ist es auch für manche Patienten und auch für das medizinische Personal entschieden leichter, den natürlichen Widerwillen zu überwinden und dieser alternativen Therapieform aufgeschlossen gegenüber zu stehen

Hier etwas Anschauungsmaterial Lucy war am Werk.....
Die Ausgangssituation vor 8 Tagen

Autorin: DGKS Ingeborg Schmid