Bluthochdruck - Relikt aus grauer Vorzeit

Einer von fünf 40-Jährigen und jede zweite Person, die das 70. Lebensjahr überschritten hat, leidet an zu hohem Blutdruck, macht Oberarzt Dr. Walter Neubauer vom Landeskrankenhaus Steyr aufmerksam. Eine mögliche Erklärung für eine der häufigsten Erkrankungen der westlichen Welt liegt in grauer Urzeit der Menschheit begraben. War vor Jahrtausenden für Menschen in Stresssituationen, die Flucht- oder Angriff erforderten, erhöhter Blutdruck überlebenswichtig, so wird heute meist lediglich mit dem Kopf gearbeitet. Die Anspannung durch stressbedingten Bluthochdruck findet keinen Ausweg in Bewegung, er verbleibt im Körper und schadet ihm.
Die Reaktionen unseres Körpers, wenn ihm Leistung abverlangt wird, sind uralt und unterliegen der Steuerung durch das unwillkürliche Nervensystem: Dieses hat vor Jahrtausenden gelernt, dass zum Überleben "Angriff" oder "Flucht" notwendig sind. Die biologische Reaktion, um solche Extremsituationen zu meistern, ist erhöhter Blutdruck. Im Gegensatz zu früher ergeht heute die Leistungsanforderung nur mehr an unseren Kopf, das unwillkürliche Nervensystem reagiert jedoch wie vor Jahrtausenden. Die aufgestaute Spannung verbleibt im Körper und in unseren Blutgefäßen und macht krank.
Kulturen, in denen Leistungsfähigkeit hoch bewertet wird und damit häufig Situationen ähnlich der brachialen "Flucht- und Angriffs-Reaktionen" vorkommen, sind am stärksten vom Bluthochdruckrisiko betroffen. Außerdem können nicht adäquat ausgedrückte Aggressionen, die bei jedem Menschen in seiner Auseinandersetzung mit dem Leben entstehen, die Ursache für krankmachenden Bluthochdruck sein: Finden diese Energien keine Kompensation, so bleiben sie im Körper und zeigen sich wiederum als Bluthochdruck. In diesem Fall empfiehlt Dr. Neubauer, folgende Fragen zu beantworten: Wie gut bin ich im Gespräch mit mir selbst? Wie oft kommt das Wort "Muss" in meinem Sprachgebrauch vor?
Wissenschaftlich erwiesen ist, dass altersunabhängige ständige Blutdruckwerte von über 135/85 einen direkten Einfluss auf die Lebenserwartung ausüben. Weiters erhöhen Rauchen, erhöhte Blutfette, sowie Herz- und Kreislauferkrankungen in der Blutsverwandtschaft das Risiko einer Erkrankung. Tatsächlich gibt es lediglich bei jedem zehnten Betroffenen eine direkte organische Ursache für Bluthochdruck. Und tendenziell weisen Stadtbewohner höhere Blutdruckwerte auf als die Landbevölkerung. Immigranten aus der Dritten Welt adaptieren mit unserer Lebensweise gleichzeitig die erhöhten Blutdruckwerte.
Dass lediglich 40 Prozent der betroffenen Frauen und gar nur jeder vierte Mann mit Bluthochdruck entsprechend behandelt werden ist alarmierend. Dabei kann unbehandelter Bluthochdruck zu Schlaganfall, Herz- und Nierenversagen und allgemeine Durchblutungsstörungen zur Folge haben. Nachdem hoher Blutdruck lange Zeit ohne subjektive Symptome bleibt, ist die beste Vorbeugung, die Kenntnis seiner persönlichen Werte. Deswegen ergeht Neubauers Appell, Messgelegenheiten beim Arzt, in jeder Apotheke oder im Freundeskreis wahrzunehmen: "Richtig gemessen wird im Sitzen nach mindestens drei Minuten Ruhepause. Mit dem so genannten Oberarmblutdruckmessgerät werden die Normalwerte des Blutdrucks ermittelt."
Bei den regelmäßigen Blutdruckschulungen am LKH Steyr lernen die Schulungsteilnehmer schrittweise und spielerisch die individuelle Ursache des erhöhten Blutdrucks erkennen. Es werden Schritte zu einem inneren Gleichgewicht entwickelt.