Wie viel Stress verträgt der Mann?
Männer sterben in Österreich um 6 Jahre früher als Frauen! Das war nicht immer so. Vor 100 Jahren war die Lebenserwartung von Mann und Frau gleich. Was hat sich geändert? Vieles! Der "Stress" ist dazu gekommen. Dr. Hans Seyle, der 1907 in Wien geboren und 1934 nach Kanada ausgewandert ist, ist der Vater der Stressforschung.
Seyle unterschied zwischen Eustress (positiver Stress) und Distress (negativer Stress). Heute hat die Wissenschaft diese Bezeichnungen verlassen und man spricht von "Herausforderung", wenn jemand mit Begeisterung etwas tut und sei es noch so viel in kürzester Zeit. Der Begriff "Stress" ist belastenden Situationen vorbehalten und seien sie auch noch so klein. Auch Regentropfen können ein Faß zum Überlaufen bringen.
Der Auslöser einer Stressreaktion ist eine Situation im Innenleben eines Mannes bzw. in seinem Umfeld, die er wahrnimmt und als bedrohlich bewertet. Ihre Bewältigung scheint ihm schwierig bis unmöglich und löst in ihm eine Reaktion aus, die sein seelisches und körperliches Wohlbefinden mindert.
Stark belastende Stress-Ereignisse, sind die Scheidung oder Trennung vom Lebenspartner, eine schwere körperliche Erkrankung, Einsamkeit, Verlust des Arbeitsplatzes und Arbeitslosigkeit. Hierbei wird das Ausmaß der Belastung wesentlich von der Bewertung des Ereignisses und den verfügbaren Bewältigungsstrategien bestimmt. Der Berufsstress macht etwa 1/3 der Stressbelastung eines Mannes aus. Der Partnerstress kann lebensbestimmende Dimensionen annehmen. Scheidung und Trennung sind keine Erfolgsstorys.
Der Körper reagiert im Stress mit Ansteig von Puls, Blutdruck und Atemfrequenz. Stress treibt den Schweiß aus den Poren, steigert die Muskelspannung und verursacht Zittern. Die Verkrampfung kann Kopfschmerzen, Schwindel, Herz- und Magenbeschwerden auslösen. Der Schlaf ist gestört und durch Alpträume belastet. Es kommt zu Leistungsabfall und Erschöpfung.
Seelisch bewirkt Stress Erregung, Unruhe, Nervosität und Aggressivität. Die Männer fühlen sich überfordert, sind unzufrieden, frustriert, enttäuscht, verbittert, niedergeschlagen, entmutigt und resignieren. Angst und Ohnmacht können in Wut umschlagen und zur Gewalttat führen.
Gewaltlösungen werden dann angewendet, wenn das Denken röhrenförmig eingeengt ist, Lösungsmöglichkeiten nicht gesucht bzw. nicht gefunden werden. Gestresste Männer haben eine negative Lebenseinstellung, sind häufig misstrauisch gegenüber ihren Mitmenschen und werten diese ab. Ihre Gedanken kreisen und verbringen die meiste Zeit mit Grübeln über Vergangenes und Sorgen über morgen.
Die Folgen von Dauerstress sind asoziales Verhalten (Wutanfälle, Streit, sexuelle Belästigung, körperliche Gewalt,...) und führen zu Beziehungsverlust (Kontaktarmut, Gerüchten, Intrigen, Mobbing,... ). Der Stressler zerstört durch ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Extremsport, Alkohol, Nikotin und Psychopharmaka seine Gesundheit. Am Ende eines stressreichen Lebens ist das soziale Netz (Lebensgemeinschaft, Familie, Verwandt- und Freundschaft) zerstört und der Betroffene ausgebrannt. Gestresste Männer verlieren auch ihre Beziehung zur Natur und zerstören diese durch ungebremsten Hausbau, Straßen, Waldraub, Schipisten,.........
Ein Mann hat seine Stress-Toleranz überschritten, wenn er körperlich, seelisch und geistig erkrankt, sich asozial verhält, sich und seine Umwelt zerstört. Ein gestresster Mann kann ein großes Problem sein. Eine gestresste Männer-Gesellschaft ist eine Katastrophe, die in ihrer Aggressivität, Verbitterung und in ihrem Hass nur mehr im Krieg durch Töten und Zerstören des Anderen ihr Heil sieht.
Stress hat in der Natur eine wichtige Funktion! Der biologische Sinn einer Stressreaktion ist das Verbessern der Überlebenschance durch Kampf, Flucht oder Totstellen. In unserer zivilisierten Welt sind die natürlichen Feinde nahezu verschwunden. Der letzte Feind des Menschen ist er selbst.
Sich in eine Ecke setzen und warten bis die Stressreaktion abgeklungen ist, ist eine umweltschonende Lösung und entspricht dem Totstellen. Heute sind die Folgen dieser Strategie psychosomatische Erkrankungen (Kopfschmerzen, Depression, Wirbelsäulenbeschwerden, Bluthochdruck, Gastritis,..).
Eine gute Strategie der Stressbewältigung umfasst Vorsorge und Behandlung. Wesentlich ist, dass die persönliche Strategie Freude macht und hilft dem persönlichen Lebensziel (Sinnfrage) näher zu kommen.
Bewegung in der Natur (Gehen, Wandern, Laufen, Radfahren...), Atem- und Entspannungsübungen (Chi Gong, Tai-Chi, Yoga, Feldenkrais....) und das Verbessern des inneren Zustandes durch Humor und Lachen können das Stresspotential wirkungsvoll abbauen. Eine positive Lebenseinstellung (Ehrlichkeit, Respekt, Demut, Dankbarkeit und Vertrauen) können die subjektive Wirklichkeit ändern und dem Lauf der Dinge eine andere Richtung geben. Spiritualität und Religiosität schaffen Zugang zu einem Wertekanon, der in unserer schnelllebigen Zeit Orientierung gibt.